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Latein ist alles andere als eine tote Sprache

Was soll man eigentlich mit Latein anfangen? Irgendwelche alten Schmöker übersetzen, mit deren Aussagen heute sowieso niemand mehr etwas anfangen kann? Solche und ähnliche Aussagen sind Miriam Jaax zu Genüge bekannt - und sie kann sie schon fast nicht mehr hören. Die 17-jährige Schülerin besucht zur Zeit die Klasse 12 des Quirinus-Gymnasiums und hat recht erfolgreich am Wettbewerb "Certamen Carolinum" teilgenommen. Sie schaffte die Aufnahme in die Studienstiftung des Deutschen Volkes. "Damit", freut sich Miriam Jaax, "erhalte ich ein Stipendium für ein Studium meiner Wahl." Einzige Bedingung, die an das Studium geknüpft ist: Miriam muss in Deutschland studieren, darf höchstens ein Jahr eine Universität im Ausland besuchen. Doch das ist für die junge Frau, die zur Zeit noch plant, Medizin zu studieren, in Ordnung. "Ich kann ja später immer noch im Ausland arbeiten", meint sie. Und das hat sie denn auch vor und findet gerade den Arztberuf dazu geeignet, überall auf der Welt Menschen zu helfen.

Miriam Jaax hat bereits in der fünften Klasse mit Latein angefangen, in der neunten hat die junge Frau Griechisch dazu genommen. Ihr Standpunkt: "Eine Sprache ist nicht allein dadurch lebendig, dass man sie spricht." Und sie fährt fort: "Die alten Sprachen vermitteln so viel an genialem Gedankengut, das unsere gesamte europäische Kultur geprägt hat. Allein deshalb lohnt es sich, sie zu lernen." Davon einmal abgesehen, lerne man in der Schule so viel, das man viel eher als tot bezeichnen  könnte, wie zum Beispiel die berühmten Kurvendiskussionen. Auf den Wettbewerb "Certamen Carolinum" machte Miriam ein Lehrer aufmerksam. Er wird ausgeschrieben vom "Verein für alte Sprachen" und gliedert sich in drei Teile. In der ersten Runde müssen die Schüler eine Facharbeit schreiben, für die sich eigentlich drei Monate Zeit lassen können. Nicht so Miriam - denn da sie sich erst sehr kurzfristig für die Teilnahme an dem Wettbewerb entschied, blieben ihr nur zwei Wochen, um einen Seneca-Brief zu interpretieren. Doch die Zeit reichte und das Ergebnis konnte sich offensichtlich sehen lassen. Denn kurz danach wurde die 17-jährige zur zweiten "Disziplin" eingeladen, der Übersetzung. Im Düsseldorfer Görres-Gymnasium brüteten die Teilnehmer dann gemeinsam drei Stunden über schwierige grammatische Konstruktionen und jede Menge Vokabeln.

Schließlich ging es für elf Teilnehmer zur Endrunde nach Aachen. Wieder musste sich Miriam in Windeseile vorbereiten, denn als die Zusage per Post ins Haus flatterte, war sie gerade in Kroatien - auf einem Schüleraustausch. "Für mich stand schnell fest, dass mein Vortrag von der Aktualität antiken Gedankengutes zeugen sollte", berichtet die Altsprachlerin. Und so entschied sie sich für das Thema "Der Lustbegriff bei Epikur und dem englischen Philosophen John Stuart Mill". "Vor dem Vortrag, der nur 15 Minuten dauern sollte, war ich tierisch nervös", erinnert sich Miriam gut. Sie habe die Nacht vorher kaum schlafen können. Doch als sie schließlich vor der 15-köpfigen Jury stand, war alle Aufregung vergessen. "Jeweils ein Jury-Mitglied hatte sich auch gezielt auf ein Thema vorbereitet", berichtet die 17-jährige. Und so wurde die Allerheiligenerin ordentlich durch die Mangel genommen, ihre Thesen und Ansätze in Frage gestellt. "Ich war die letzte von elf, die an diesem Tag geprüft wurde. Als ich fertig war, standen die anderen vor der Tür und warteten. Wir haben dann erst mal eine Pizza gegessen und uns Aachen angesehen." Auch jetzt haben die Teilnehmer untereinander noch Kontakt, wollen sich bald wieder einmal treffen.

Am nächsten Tag standen die elf jungen "Altphilologen" dann wieder vor den "alten". Und Miriam Jaax konnte jubeln: Sie wurde eine von zwei ersten Preisträgerinnen und schaffte damit die Aufnahme in die Studienstiftung des Deutschen Volkes. Zudem fährt die 17-jährige mit zwei anderen Finalisten im kommenden Sommer nach Italien, weil die drei die beste lateinische Übersetzung abgeliefert hatten.

Besonders stolz ist die Preisträgerin, dass sie alle Vorbereitungen ohne fremde Hilfe geschafft hat. "Alle sicher sehr nett gemeinten Hilfeleistungen habe ich abgelehnt, weil ich einfach wollte, dass jeder Beitrag meine eigene Leistung war", so die Zwölftklässlerin. Und obwohl sie natürlich ein Faible für die alten Sprachen hat, sind ihre Leistungskurse Deutsch und Biologie. Außerdem spielt Miriam seit ihrem neunten Lebensjahr Geige und seit drei Jahren hämmert sie ordentlich auf Snare und Bassdrum, wenn sie hinterm Schlagzeug sitzt. Einen Ausgleich verschafft ihr auch das Laufen. Dann hat sie Ruhe, was mitunter auch nötig ist, wenn man die zweitälteste von fünf Geschwistern ist. Was sie mittlerweile aufgegeben hat, ist das Fußballspielen. Als die Familie noch im Neusser Norden wohnte, kickte Miriam bei der SVG Weißenberg. Doch jetzt ist ihr der Aufwand, zu jedem Training in die Nordstadt zu düsen, zu groß. Und manchmal muss man sich eben entscheiden - für alte Sprachen oder dagegen. Miriam Jaax würde sich immer wieder dafür entscheiden.

Anneli Goebels, ngz vom 16.12.2003

 
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